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„Wiedervereinigt wider Willen?“
Uwe Lehmann–Brauns zum Umgang der Deutschen mit ihrem Geschenk des Jahrhunderts


Die Meldungen scheinen grotesk: Im März 2005 wünschte sich laut Spiegel jeder vierte Westdeutsche die Mauer zurück. Bis heute kennen die Deutschen laut Umfragen kaum die Namen der Neuen Bundesländer, statt dessen wächst die „Frustration über die deutsche Einheit in Ost und West“. Derartige Meldungen reißen nicht ab. Von Zusammenwachsen zwischen Ost und West keine Spur.

Bemerkenswert sind solche Fakten angesichts des Geschenks, das die Geschichte den Deutschen gemacht hat: Die Wiedervereinigung ist ihnen in den Schoß gefallen – ohne Krieg und Blutvergießen. Doch anstelle enthusiastischer Freude über die Einlösung einer „historischen Notwendigkeit“, über die friedliche Revision und Korrektur kapitaler politischer Fehler sei Frustration und rechnerisches Kalkül getreten. Oder, wie Uwe Lehmann–Brauns sagt: „Am Ende hat es der Weltgeist mit den Deutschen gut gemeint, obwohl er ihnen nichts schuldete. Wie lange werden sie das ignorieren?“

Der heutige Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses Uwe Lehmann–Brauns bezeichnet sich selbst als Anhänger eines „minoritären Einheitsfundamentalismus“. Lange Jahre hat er sich in Berlin gegen die Teilung Deutschlands eingesetzt. Dann hat er ein Buch über „Die verschmähte Nation“ geschrieben, das seine Erfahrungen mit Politikern und Künstlern in Ost und West seit den 60er Jahren bis nach der Wende schildert. Sein Text liest sich zuweilen als ausformuliertes Tagebuch, dann wieder als Autobiographie, als Reportage oder Chronik. In jedem Fall unterliegt es einer grundsätzlich subjektiven Perspektive in Auswahl, Schilderung und Wertung der Ereignisse und Begegnungen, die es erzählt. Dank seiner temporeichen, aber nie oberflächlichen Darstellung bleibt es auch dort lesenswert, wo die Subjektivität des Blickwinkels möglichen Einwänden Tür und Tor öffnet.

Ein solcher Einwand könnte sich auf die knappe Form beziehen, die geradezu unwillig zur Ausführung erscheint. Als ihr Instrument fungiert die präzise, alle Redundanz ausschlagende Sprache, die weniger dem Faktenverständnis, als der literarischen Wirkung des Textes dient – für den in Fragen der Berliner Politik der Vor– und Nachwendezeit eher unbedarften Leser zweifellos eine Hürde.

Dennoch kann dieser Text mit gewichtigem Argument auf seine subjektiv–selektive Form bestehen: Die Qualität des Textes gewinnt dem Buch einen über die inhaltlichen Belange hinausreichenden Mehrwert hinzu. Es ist das verbale Florett, nicht das Schwert, das Lehmann–Brauns beherrscht. Die diaristisch grundierten, mit (für einen Autor Jahrgang 1938 erstaunlich) blutjunger, unverbrauchter, kristallklarer und zugreifender Sprache geschilderten Ereignisse machen das Lesen zum unmittelbaren Vergnügen. Zudem ruft sein Text in Erinnerung, daß der aktuelle „Status quo“ eines wiedervereinigten Deutschland nicht zur Selbstverständlichkeit verkommen darf, sondern als erwünschte, ersehnte, erarbeitete, erkaufte und nicht zuletzt glücklichen Fügungen geschuldete Folge einer zutiefst unnatürlichen politischen Spaltung in unser Bewußtsein – und auch in unsere Geschichtsbücher – eingehen muß.

Im „Eigenwert der Nation“ sah und sieht Lehmann-Brauns das entscheidende Mittel, zusammenzuhalten, was geschichtlich zusammengehört. Mit dieser Position stieß der Einheits–Enthusiast – auch in der eigenen Partei – auf Widerstände: Die 68er versieht er mit dem Stichwort „Abkehr vom Einheitsgedanken“, immer mehr sei die Verpflichtung zur Wiedervereinigung aus dem (politischen) Bewußtsein verschwunden, statt dessen zementierte die westdeutsche Politik der 70er und 80er Jahre die Teilung des Landes und mit ihr die Akzeptanz der Diktatur im anderen Teil Deutschlands. Die Teilung wird zum unbezweifelten Fakt. Bei Zusammenkünften in der Ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin, bei Besuchen in der DDR, in Rußland und dem europäischen Ausland sieht sich der Autor einem ebenso rätselhaften wie empörenden geschichtspolitischen Desinteresse gegenüber, noch kurz vor dem Mauerfall bescheinigt er amerikanischen Gesprächspartnern „beflissene Gleichgültigkeit“ in der deutschen Frage.

Zu den Politikern, Schriftstellern und Künstlern, denen Lehmann–Brauns als Berliner Abgeordneter und als Jurist begegnet ist, gehören Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl, Bärbel Bohley, Conrad Felixmüller, Bernhard Heisig, Stefan Hermlin, Günter Grass und andere sowie eine Reihe ost– wie westdeutscher Funktionäre. Erfrischend liest sich, daß der Autor weder vor harten Urteilen noch davor zurückscheut, Roß und Reiter zu nennen. Mit souveränem Strich zeichnet er Wendehals-Biographien, die nach 89 – bis heute -unangefochten blieben. Er beschreibt fragwürdige Karrierewege wie den Manfred Stolpes, Thomas Flierls oder Gregor Gysis, macht an dessen schneidiger Eloquenz den „hautgout“ aus, der ihn „als Mensch und Politiker anrüchig macht“. Und doch schließt der Autor, die klaffenden Ungerechtigkeiten fest im Blick, an die bitteren Befunde nicht den Ruf nach Sühne an. Vielmehr bezieht er daraus die besondere Wertschätzung für die wenigen Couragierten: „Diese differenten Biographien [...] dürfen nicht jene relativieren, die den Anwerbungen widerstanden und aufrecht blieben.“ Empörung bleibt für den Umstand, daß auch die Demokratie für diese Aufrechten weniger Forum war und ist als für die Kollaborateure.

Nüchtern fällt auch der Blick auf die Entwicklung Berlins nach der Wende aus, aus dessen Stadtbild die Mauerreste ebenso getilgt sind wie die Erinnerung aus dem Bewußtsein ihrer Bewohner. Ihrer unerklärlichen „Geschichtsapathie“ setzt der Autor das leidenschaftliche Bekenntnis zur geeinten Nation – auch innerhalb des europäischen Verbundes – entgegen. Wer darin lediglich einen Einheitsbefürworter am Werke sieht, dessen Status von den Folgen der Wiedervereinigung kaum unmittelbar gefährdet sein dürfte, hat die historische Dimension der Ereignisse verkannt. Das Bekenntnis zur Nation schöpft sich aus Quellen, die jenseits persönlicher Belange liegen; sie lassen sich nicht auf Finanzierungsmodelle reduzieren.

Doch solange die Wiedervereinigung Deutschlands nicht als historische Chance begriffen, sondern aus kleinbürgerlichem Blickwinkel zur staatlichen Schuldenfalle deklariert wird, solange und darüber hinaus muß ein Buch wie Uwe Lehmann–Brauns „Verschmähte Nation“ Pflichtlektüre sein. Allen Gleichgültigen, Unkenrufern und Einheitsnörglern möge es in seinem unbeirrten Glauben an die Einheit der Nation den engen Horizont erweitern. A.W.

Uwe Lehmann–Brauns: Die verschmähte Nation. Berliner Begegnungen, Wertungen. Mit einem Vorwort von Wolf Biermann, Stuttgart, Leipzig 2005: Hohenheim Verlag, 238 Seiten.

Anmerkung der TEXTKANZLEI: Die Redaktion des Rezensionsportals www.literaturkritik.de lehnte im vergangenen Jahr eine ähnliche Besprechung u. a. mit der Begründung ab, das Buch von Uwe Lehmann–Brauns sei in einschlägigen Feuilletons nicht besprochen worden. Die Redakteure distanzierten sich vom Programm des Hohenheim-Verlages und stuften ihn als „merkwürdigen Verlag“ ein.


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