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„Ruhe ist die erste Bürgerschweinpflicht“
Friedmar Apels hinreißender erster Roman „Das Buch Fritze“


Soeben aus der geschlossenen Abteilung entlassen, kauft Fritze (auf der letzten Buchseite) 12 Flaschen Einbecker und ein Schreibheft und erklärt den Pennerfreunden, „die ganze verkorkste Geschichte“ mal aufschreiben zu müssen: „Ist nur für mich und Gott. Wir unterhalten uns manchmal in der Nacht, und manchmal weinen wir über die Welt …“

Zwölf Hefte hat Fritze dann vollgeschrieben und den Autor gebeten, daraus eine lesbare Geschichte zu machen. Sie ist mehr als das, schon wegen Apels überbordender Sprachlust. Mit Fritzes Blick ‚von unten‘ auf das verklemmte und spießig–muffige deutsche Wirtschaftswunder ist eine listige Erzählperspektive gewonnen, die in jugendlich naivem Ton, mit unfreiwilliger Komik und einer aufmüpfigen, ja zuweilen rotzigen Sprache den Wohlstandsbürgern den Spiegel vorhält. Denn Fritze ist der moralische Stillstand dieser Jahre, ihre trügerische Ruhe ebenso verdächtig wie die Sprüche der angepaßten Erwachsenen – Rebellion also gegen alles, was ‚von oben‘ kommt.

Ist es, wie der Titel nahelegt, eine Leidensgeschichte oder ein moderner Schelmen–Roman, dessen Held sich an den versteinerten Verhältnisse den Kopf blutig stößt. Fritze ist klug und häuft doch Niederlage auf Niederlage, bis er – erkenntnis– wie erfahrungsgesättigt – am Stock geht und das Gespräch mit dem „müde“ gewordenen Gott sucht. „Soll mein Herz“, lautet Apels letzter Satz, „traurig sein, wie ich ihn da sitzen sehe.“

Als uneheliches Kind von den in den Westen flüchtenden Eltern im katholischen Eichsfeld zurückgelassen, soll Fritze eines Tages „zum Frisör und dann in den Westen.“ Genau dort beginnt die „verkorkste“ Geschichte. Mit Fritze erleben wir noch mal die BRD pur: Mode, Musik (Jan und Kjeld und Pink Floyd), Verpoorten und die Fußballtechnik der 6oer Jahre („Netzers große Füße“), Kennedy und Onassis, das erste aufgemotzte Velo–Solex, Vaters Mercedes 19o Heckflosse, den Fritze volltrunken in den Graben setzt, ein Lloyd Alexander TS in Zweifarbenlackierung, wer erinnert sich? Fritze in den Pubertätswirren und ungeschickt beim ersten Sex, Fritzes päderastischer Onkel, den man ihm nicht glaubt, und Fritzes fachmännische Anweisungen, einen Joint zu drehen. Apels unerschöpfliche Lust am typischen Detail wird zur punktgenauen Zeichnung dieser deutschen Jahre.
Sich anzupassen und doch der zu bleiben, „der ich nie gewesen bin“, das gelingt Fritze nie. Fällt er in den Schulen durch entlarvenden Vorwitz, Hochhuth–Lektüre oder durch Klassenbücher auf, die er im Teich schwimmen läßt, auf, so läßt er sich zum Drogen–Dealer erpressen, nimmt LSD und gerät in Polizeifallen, er gründet eine Firma und setzt sie in den Sand, ist Versicherungsvertreter, bald Alkoholiker, der in Kaufhäuser und ins Elternhaus einbricht, und liegt schließlich nach einem Motorradunfall ohne Wohnung buchstäblich auf der Straße. Therapien folgen, Entziehungskuren, schließlich die Geschlossene wegen suizidärer Neigung. Hatte der deutsche Wohlstand für Looser wie Fritze keinen Platz?

Woran sich Fritze am meisten stößt, das sind die halbgaren Lebensweisheiten der Erwachsenen auf, ihre Klischees, ihre Vorurteile – die Dummheit zeigt sich ja zuerst an der Sprache. „Damit er schwarzbraun wird wie die Haselnuß“, müsse er in die Sonne, der Lehrer predigt Ordnung als das „halbe Leben“. Oder: „Der Willy Brandt ist ein Verräter, er heißt eigentlich Herbert Frahm und trinkt zuviel Whisky. Nein, sagt Onkel Herbert, der Adenauer hat uns an die Russen verkauft, und er lügt wie alle Kölner. Die Frau sagt, Politiker haben keine Moral, sie kennt die Rosemarie Nitribitt, die war mit allen schon mal im Bett.“ Als sich Fritze in eine Zigeunerin verliebt, verprügeln ihn die Brüder: „Wer sich mit dem Gesindel abgibt, ist selbst schuld, sagt der Vater, wenn wir den Krieg nicht verloren hätten, gäbe es die gar nicht mehr. Jetzt leben die von unseren Steuergeldern und klauen wie die Raben.“ Und Fritze beim späteren Ost–Besuch: „Seid froh, daß ihr hiergeblieben seid. Der Kapitalismus frißt die Herzen auf. Wir sind aber keine Kommunisten, sagt der Onkel Karl, wir sind gute Katholiken. Der ist aber in der Partei, flüstert Tante Erna. Wer flüstert, der lügt, sagt Onkel Karl, was wird denn, wenn die Wiedervereinigung kommt. Gott bewahre euch vor dem Übel, sagt Fritze. Und wenn doch, wollt ihr dann hier alles wiederhaben, und wir fliegen aus …“

Viel Literatur geistert durch den kleinen Roman: Goethe, Hölderlin und Rilke, Kleist, Luther, George und Hofmannsthal, Nietzsche und Wagners Walküren, die auf Hitler anspielen. Fritze, belesen wie sein Chronist, kommentiert gern ausweglose Situationen literarisch – so bei einer Zugkontrolle mit zuviel Drogen im Gepäck: „Wo aber Gefahr ist …“ Als Fritze dann selber den Stift zur Hand nimmt (und wieder scheitert), scheint das Sinnbild allen Schreibens auf: Sinnsuche, Verständigung im unerfüllten Jetzt. Sucht er nach dem abwesenden Gott? Das „Buch Fritze“ muß man lesen, unbedingt – es ist pure Literatur, die zu Tränen rührt und zum Lachen reizt. J.S.

Friedmar Apel: „Das Buch Fritze“, Frankfurt/Main 2003: Suhrkamp Verlag, 177 Seiten


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