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„Wer schweigt, redet. Wer redet, verschweigt.“
Sigmar Schollaks frische Aphorismen „Der Kuss – ein Lippenbekenntnis“


Der Klügere gibt nach. Aber nicht auf!
Oder:
Manchmal adelt die Niederlage.
Oder:
Unfähige sind fähig. Zu allem!

Derlei geist- und pointenreiche Aphorismen, viele davon in geradezu sprichwörtlicher Manier, versammelt der Band „Der Kuss – ein Lippenbekenntnis“ des Berliner Autors Sigmar Schollak: 333 Textperlen unterschiedlicher Bauart, denen insgesamt eine starke Musikalität, eine zielgenaue Beobachtungsgabe und die Kunst des Weglassens eigen ist. Zum Lesevergnügen macht sie sowohl der sprachliche Schliff, mit dem die kurzen Texte gearbeitet sind, als auch ihr jeweiliger Charakter: Wir finden Aphorismen von großer Schönheit und Weite:
      Das Wissen ist der Feind des Wollens.

Binsenweisheiten, sprachlich veredelt:
      Fall in Not – und die Welt ist unbewohnt.

Amüsante Bissigkeiten:
      Politiker: Laufboten der Geschichte.

Platitüden in wortspielerischem Gewand:
      Die Menschheitsgeschichte: vom Sein zum Design.

Gereimtes:
      Auf die Bühne der Zeit
      ist der Gutmensch getreten.
      Um die Welt zu verändern.
      Nunmehr hilft kein Beten.

Substantieller Nonsens:
      Einmal so klug sein können wie meine Gedanken.

Oder schlicht Witziges:
      Ein echter Pechvogel zerschellt selbst am Kap der
      Guten Hoffnung.


Mit seiner distanziert-ironischen Grundstimmung steht Schollak in der Tradition von Aphoristikern wie Georg Christoph Lichtenberg, Karl Kraus oder Stanislaw Jerzy Lec, zu dem sich Schollak ausdrücklich bekennt*, und auf den Aphorismen wie: Am Anfang war das Wort - am Ende die Phrase zurückgehen. Aber auch in Deutschland weniger bekannten Autoren erweisen Schollaks Aphorismen ihre Referenz: Wieslaw Brudzinski, Marian Zalucki, Karol Irzykowski. Die Ironie, die Melancholie, seltener der Sarkasmus des Autors Schollak, verhüllt geistvoll die Bitterkeit mancher Erkenntnis, die die Aphorismen nahelegen. Oder relativiert zumindest ihre Konsequenz. Darin liegt auch begründet, weshalb sich Aphorismen heillos widersprechen dürfen, ohne ihren Wahrheitsgehalt einzubüßen. Schollak bringt dies auf die wunderbare Formel:

Ein Aphorismus enthält die ganze Wahrheit.
Abzüglich jener eines anderen Aphorismus.

Es sind diese Denkfiguren, überraschenden Wendungen, unerwarteten Pointen, rhetorischen Haken, mit denen es Schollak gelingt, das „Licht in den Köpfen“ seiner Leser anzumachen, sie mit Denk-Impulsen zu versorgen: „Berühmt ist der Weg der Erkenntnis. Belebt der Umweg.“ Mitunter zündet Schollak kleine, höchst kompakte aphoristische Sprengsätze, Miniatur-Kunstwerke, konstruiert aus messerscharfer Beobachtung, sprachlicher Finesse und rhetorischer Souveränität:

Nicht am Pferdefuß, an den Engelszungen erkennt man den Teufel.

Schlagende Evidenz auf Zeilenlänge: Solche Aphorismen lösen geradezu mustergültig ein, was die Gattung ausmacht: Der Aphorismus ist eine knappe, pointiert formulierte und in sich abgeschlossene Fassung eines Gedankens. Er will Einsichten von großer Tragweite auf eine kurze, schlagkräftige Aussage herunterbrechen. Er will den kollektiven Gehalt aus der einzelnen Beobachtung auslösen und exponieren. Er will durch Widerspruch, logischen Bruch, Irritation oder Vergleich Erkenntnis befördern und zum Nachdenken anregen. Er will auf geistreiche Weise belehren und formuliert dabei einen „überzeitlichen common sense“ (Jürgen Joachimsthaler), auch wenn Günter Kunert im Vorwort des Bandes die Ansicht vertritt, der Leser habe den Konsens mit dem Autor aufgekündigt; der Konsens mit dem Autor ist ein geradezu notwendiger und automatischer Mechanismus der Aphorismen-Lektüre, dies gilt erst recht für die Schollak’schen Aphorismen.

Sigmar Schollaks Aphorismen merkt man die „handwerkliche“ Arbeit an der Sprach-Architektur seiner Miniaturen an; kein Wort zuviel, nichts Unfertiges, Halbgares oder Grobes ist stehengeblieben. Die Texte erscheinen als ausgereifte, gewachsene Gebilde. Aphorismen – dies teilt sich dem Leser mit – lassen sich nicht planen, man muß sie finden, bearbeiten, reifen lassen. Neben der „texthauerischen“ Arbeit am einzelnen Wort offenbaren Schollaks Aphorismen aber auch dessen präzises sprachmusikalisches Gespür, seinen ausgeprägten Sinn für Rhythmus und Melodie. Ein Beispiel kann das zeigen. Schollak schreibt:

Wissen ist Macht. Unwissen mächtig.

Er schreibt nicht:

Wissen ist Macht. Unwissen ist mächtig.

Man muß die Zeilen sprechen, um ihrer Sprachmelodie auf die Schliche zu kommen. Die Musik bestimmt das Gebilde, nicht die Gewähr für das unmittelbare Verständnis des Lesers. Den Moment der Irritation beim Lesen nimmt Schollak in Kauf, um den Klang der Zeile voll zur Geltung kommen zu lassen. Damit – und das weiß der versierte Aphoristiker – erhöht er ihre Schlagkraft ungemein.

Derart feiner Sinn für die musikalischen Aspekte von Sprache bestimmt viele der witzigen, geistvollen, zugriffstarken, unterhaltsamen, weitsichtigen und unbedingt lesenswerten Prosastücke. Eine Reihe der Schollak’schen Texte haben diese Qualität zum Sprichwort. Kann einem Aphorismus eine höhere Auszeichnung zuteil werden?  A.W.

* in einem privaten Brief.

Sigmar Schollak: Der Kuss – ein Lippenbekenntnis. Aphorismen. Mit Zeichnungen und einem Vorwort von Günter Kunert. Bremen 2007: Donat Verlag, 96 Seiten.


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