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„… dem Carlos ein drittes Bein aus Pappe“
Gustaf Gründgens Schriften: eine Fundgrube rhetorischer Finessen


Als Regisseur, als Intendant, als Schauspieler – zumal als Mephisto aus Goethes „Faust“ – mag er dem einen oder anderen noch bekannt sein, als Briefschreiber, als Autor und Redner ist er's kaum: Gustaf Gründgens, umstrittene, begnadete, egozentrische, in jedem Fall aber schillernde und vielleicht bekannteste deutsche Theaterfigur der 20er bis 60er Jahre führt in seinen Briefen vor, was ihn auf der Bühne unsterblich gemacht hat: Die Kunst, mit der Rolle zu verschmelzen.

Von den Fähigkeiten des Schauspielers zur Inszenierung sind seine Briefe, Reden und Aufsätze durchwirkt. Gründgens schreibt nicht nur, er deklamiert, er attackiert, er schmeichelt und agitiert, er löst ein Inferno an Mitleid aus, um eigene Versäumnisse zu kaschieren, er wirbt, streitet oder empört sich („Mir fällt es weder ein, dem Carlos ein drittes Bein aus Pappe anzukleben, noch ‚Romeo und Julia‘ bei geschlossenem Vorhang zu spielen“). Er dreht verbale Pirouetten, irrt scheinbar devot auf schriftlichen Umwegen, zieht sämtliche rhetorischen Hebel, um schließlich seine Ziele durchzusetzen – und dies mit dem geballten Instrumentarium einer lebendigen, bildreichen Sprache. Was sonst kann man von Briefen erwarten?

Lesenswert ist, wie sich Gründgens das Papier zur Bühne deklariert, wie er darauf seine Auftritte inszeniert – als leidender Kranker, der kaum den Stift heben kann, als tobender Querulant, als arroganter Chef, als raffinierter Kollege oder einfühlsamer Freund. Gründgens‘ Texte strotzen vor sprachlichen und rhetorischen Qualitäten, bieten Witz und Geistesgegenwart. Mit sicherem Instinkt hat dies 1953 bereits Peter Suhrkamp erkannt und den bis dahin erschienenen Schriften und Reden des Theatermannes in seiner berühmten ‚edition’ den Band „Wirklichkeit des Theaters“ gewidmet. Der „große Anteil des Artistischen“, den Suhrkamp an Gründgens‘ Biographie und Theaterarbeit ausmacht, ist gleichermaßen Bestandteil seiner Schriften.

Lesenswert auch, mit wem Gründgens in Briefkontakt stand (obwohl der eigenständige literarische Mehrwert die bloß dokumentarischen Inhalte der Briefe überragt): Herbert von Karajan, Carl Zuckmayer, Jean Cocteau, Bertolt Brecht, Hermann Göring, Rudolf Augstein u. a. Diesem droht er an: „Das verfluchte Bild hätte ich Ihnen eigentlich doch nicht geben dürfen. [...] Sollten Sie es aber auf die Titelseite des Spiegels bringen – entschuldigen Sie, wenn ich größenwahnsinnig geworden bin –, komme ich persönlich nach Hannover und schlage Sie tot.“ Mit Blick auf die Exzesse des Regietheaters formuliert er seine Ansichten in aphoristischer Kürze, ohne auf Präzision zu verzichten: „Zunächst, bevor an eine Deutung gedacht wird, müssen die Noten gespielt werden.“

Wer mit der Gelassenheit der Ironie seine Krankheiten als „Katarakte von Ungezogenheiten“ bezeichnet, der ist auch heute noch mit Gewinn und Spaß zu lesen. Auch wenn seine „Briefe Aufsätze Reden“ leider nur noch antiquarisch zu haben sind. A.W.

Gustaf Gründgens: Briefe Aufsätze Reden, München 1970, dtv. Im Antiquariatsbuchhandel.

[Originaltexte von Gustaf Gründgens sind außerdem in zwei weiteren, etwas abgelegenen Bänden erschienen: Gustaf Gründgens: „Wie sind wir vornehm“. Lyrik und Prosa, herausgegeben von Karl Riha, Hannover 1993, und Lawrence Durrell, Gustaf Gründgens: Briefwechsel über Actis, Reinbek bei Hamburg 1961.]



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